Anjuli Knäsche: Mit neuer Freiheit zu alten Höhen
Anjuli Knäsche kann die ganze Aufregung nicht so richtig verstehen. Zehn Jahre ist es her, dass die Stabhochspringerin vom VfB Stuttgart 1893 ihre Bestleistung mit 4,55 Metern aufgestellt hatte. Beim Wettbewerb in Hannover anlässlich der Finals meisterte die 32-Jährige bei ihrem vierten nationalen Titel diese Höhe wieder. Plötzlich ist die 1,69 Meter große Springerin die große Hoffnung in ihrer Disziplin. „Es ist schon krass“, resümiert sie, „ich war über viele Jahre im 40er und 50er Bereich, also gar nicht so weit weg.“
Möglicherweise träg zu dieser Einschätzung zum einen die Souveränität bei, wie Knäsche in Hannover zu ihrem vierten Freilufttitel gesprungen war. Ein Rolle mag auch ihr Auftritt bei den Baden-Württembergischen Meisterschaften eine Woche vor den Deutschen gespielt haben. In Walldorf hatte sie 4,60 Meter überquert. „Es freut mich, nach zehn Jahren wieder persönliche Bestleistung gesprungen zu sein“, sagt sie ganz trocken. Damit hatte sie die Norm für die Europameisterschaften in Birmingham erfüllt.
„Entweder es passiert, oder es passiert nicht“
Mit welchen Zielen und Erwartungen reist Anjuli Knäsche nun nach Birmingham? „Ich will erst einmal ins Finale kommen“, sagt sie demütig. Auf eine bestimmte Höhe will sie sich nicht festlegen. „Entweder es passiert“, so ihr Credo, „oder es passiert nicht.“ Nach ihrem Titelgewinn in Hannover sagte sie: „Ich bin bereit, noch einmal Bestleistung zu springen.“
Den Schwerpunkt bei ihren Sprüngen legen Knäsche und Landestrainer Stephan Munz auf technisch saubere Sprünge. Beim Trockentraining am Reck oder mit kurzem Anlauf ist das Aufrollen kein Problem. Sobald aber der Anlauf länger wird, traue sie sich nicht mehr und springe sich häufig hinterher. Ganz offen bekennt Anjuli Knäsche: „Das Aufrollen ist nicht unbedingt mein Glanzmoment.“ Trotzdem hat sie es geschafft, in dieser Saison ihre Griffhöhe zu erhöhen.
Als Athletin und Trainerin erfolgreich
Diese fehlerhafte Technik hat sich die 32-jährige Springerin über die vergangenen Jahre angeeignet. Dabei weiß sie ganz genau, wie es richtig aussehen muss. Denn Anjuli Knäsche arbeitet als Trainerin. Bei der LG Leinfelden-Echterdingen betreut sie eine Stabhochsprungtruppe. Und das mit beachtlichem Erfolg. Jonathan Hummel wurde an dem Wochenende, an dem sie ihre Bestmarke verbessert hatte, in Rieti (Italien) U18-Europameister. Ebenfalls mit Bestmarke, 5,15 Meter.
Im Training dieser Gruppe kommt es hin und wieder zu netten Momenten. Als ein 14-Jähriger kürzlich von seiner Trainerin aufgefordert wurde, einen ihrer Sprünge zu analysieren, sagte er: „Dein Po war wieder unter der Hüfte.“ Eine Korrektur, die auch Knäsche häufig bei ihren Springern anbringt.
„Der Kniff ist es, sich nicht selbst im Weg zu stehen“, beschreibt sie ihr Dilemma. Deshalb versucht die springende Trainerin schon längere Zeit, ihre mentale Schwäche auszumerzen. Doch die Arbeit mit Psychologen und Mentaltrainern brächte nicht den gewünschten Erfolg. Bei einer befreundeten Athletin, die sich mehrere Bänder im Knie gerissen hatte, sah sie das Buch „Wege aus dem Schmerz“ von Alan Gordon. Darin wird beschrieben, wie man neuroplastische Schmerzen ohne physiologische Ursachen, die das Gehirn gelernt hat zu akzeptieren, besiegen kann. Zusätzliche Unterstützung erhielt sie durch Youtube-Videos. Seitdem kann Knäsche, sollte sie in eine Negativspirale kommen, diese wieder verlassen.
Sport bleibt Hobby...
Immer wieder erzählt Anjuli Knäsche ihren jungen Athleten: „Als Stabhochspringer muss man bereit sein, sich außerhalb der Komfortzone zu bewegen, auch mal über seine Grenzen zu gehen.“ Dass dies auch für sie gilt, ist der 32-Jährigen klar. Momentan allerdings gilt dies nicht unbedingt für den Sport, sondern für ihr alltägliches Leben. Längst hat Knäsche beschlossen, dass der Beruf als Trainerin Vorrang hat. „Der Sport ist mein Hobby“, sagt sie klipp und klar.
Deshalb ist das Ziel Olympische Spiele 2028 in Los Angeles noch nicht fixiert. Einerseits würde sie nach Paris gerne noch einmal mitmachen. „Es ist cool, vielfältige Erfahrungen zu sammeln, um sie dann an meine Athleten weitergeben zu können“, sagt sie. Auf der anderen Seite stehe der immense Aufwand: „Wie viel Spaß, wie viel Freude bringt es mit sich? Ist es den Mehraufwand wert?“
… mit viel Zeitaufwand
Denn im täglichen Training sieht die Trainerin, wie positiv sich ihre Schützlinge entwickeln. Nicht nur Vorzeigeathlet Jonathan Hummel. „In diesem Jahr musste ich erstmals bei beiden Deutschen Jugend-Meisterschaften sein“, erklärt sie, „nächstes Jahr startet Jonathan bei den U20-Titelkämpfen. Und die Mädels kommen auch noch dazu.“ Das bedeute jeweils vier Tage Präsenz vor Ort. Und sollten Hummels Höhenflüge wie in den vergangenen Jahren weitergehen, wird er zu immer mehr Meetings eingeladen werden. Mit persönlicher Betreuung durch Knäsche.
Doch das ist noch Zukunftsmusik. Zunächst steht die EM mit der Qualifikation am 11. August und dem Finale zwei Tage später an.
Das Gespräch führte Klaus-Eckhard Jost